SUSAN HAARMAN | 14.3.2020

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Das Examen ist eine traditionelle Methode andächtigen Bewusstseins, das als Fundament jesuitischer Spiritualität und Bildung dient. Man kann damit in relativ kurzer Zeit und sehr einfach über den Tag reflektieren und sich besser bewusst werden, wo man Gnade und Güte erfährt, und wo es Platz für Wachstum in unseren Handlungen und im Leben gibt. Sich Zeit zur Reflektion zu nehmen, ist in Zeiten von Unsicherheit und raschem Wandel ganz besonders geboten. 

Was wir oft übersehen, ist dass das Examen ausgesprochen flexibel und anpassungsfähig ist. Man kann es einsetzen um sich den Tag nochmal vor Augen zu führen oder es kann das Augenmerk auf ein spezielles Anliegen lenken. Angesichts unserer neuen Situation mit dem COVID-19-Virus hilft es, das Examen auf diese einzigartige Situation anzuwenden.

Nimm zunächst etwas Zeit, um zur Ruhe zu kommen. Atme tief ein. Finde eine bequeme Haltung. Lasse dich selbst zur Ruhe kommen, wie ein Stein, der sich nach einem Wurf ins Wasser einen Platz auf dem Meeresboden einnimmt. 

  1. Erkenne an, wie es dir in diesem Moment ergeht. Sollte es schwer fallen, Ruhe zu bewahren, dann würdige dieses Gefühl. Fühlst du dich frustriert oder gestresst, so erkenne dies an. Gott möchte uns in all unseren Lebensabschnitten gegenwärtig sein – nicht nur in den gelassenen oder heiteren Momenten. 
  2. Bitte um Licht und Einsicht, um dich auf einen Rückblick auf den heutigen Tag vorzubereiten. Für manche mag dieses Licht in Form eines Gespürs für das Göttliche erscheinen, für andere stammt es aus einem tiefverwurzelten Gefühl des authentischen Selbst.
  3. Nimm Zeit, um darüber nachzudenken, wie sich COVID-19 auf dein Leben ausgewirkt hat. Auch wenn wir gerade an vermehrter sozialer Distanzierung zueinander arbeiten, frage dich, für welche Beziehungen du besonders dankbar bist. Wer hilft dir im Leben dabei, dich besonders geerdet oder mit Gott verbunden zu fühlen?
  4. Herausforderungen des Gesundheitswesens machen uns immer wieder klar, wie verwoben unser Leben mit unseren Mitmenschen ist. Sie helfen uns dabei zu erkennen, welche Beziehungen wir manchmal vielleicht unterschätzen oder missachten. Gibt es eine Person oder Gruppe, die besonders durch COVID-19 betroffen ist und die du selten berücksichtigst? Mit wem trittst du oft in Kontakt, und wen suchst du oft auf? Wen vermeidest du? Wenn es eben geht, stell dir die Gesichter dieser Leute vor. Welche Beziehungen hältst du für allzu selbstverständlich? Welche Bezeihungen haben die größte Auswirkung auf dein Leben?
  5. Horche auf die Emotionen, die du beim Denken an diese Leute verspürst, ohne dabei zu sehr zu urteilen oder überzuanalysieren. Erkenne sie an, merke auf, und hör zu, ob Gott dich dabei anspricht. 
  6. Nimm bei dieser Besinnung auf unsere geschätzten oder missachteten Beziehungen eine Verbindung – oder den Mangel einer Verbindung – heraus, die gerade jetzt als besonders wichtig, bedeutsam oder präsent erscheint. Besinne dich darauf, ob und wie du angesichts dessen in diesem Moment zum Wachstum berufen bist. Bist du ein gläubiger Mensch, so bete darüber. 
  7. Gott hat uns mit grenzenloser Vorstellungskraft und Kreativität beschenkt. Denke darüber nach, wie man auch trotz möglicher Distanzierung und Isolierung im Moment sinnvolle Beziehungen zu anderen fördern und fruchtbar machen kann – ob direkt, anhand von Technologie, oder durch bewusste Aufmerksamkeit und Fokus. 

Atme tief ein und genieße einen Moment der Stille. Kehre in deiner eigenen Zeit zurück in den Tag.

übersetzt von Alex Holznienkemper, Ph.D., University of New Hampshire (U.S.)

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